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30. Mai 2003

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Liebe Freunde von Silke,                                                            

 

zur Zeit ist es etwas schwierig aktuelle Informationen von Silke zu bekommen. Ihr momentaner Aufenthaltsort Chaurjahari ist eben mitten in der Pampa Nepals. Vor einigen Tagen hat mich doch noch ein Mail von Silke erreicht ...

 

Ja nun bin ich doch tatsächlich schon seit 5 Wochen in der Pampa und die Zeit vergeht mir fast zu schnell. Habe mich nämlich inzwischen dem WARD (Station) intensiv angenommen und verbringe dort nun i.d.R. meine Tage und auch zum Teil Nächte. Mein Chefartzt verzweifelt glaub schon fast mit mir nun, weil ich zum Mittagessen schon so spät komme, dass uns gerade noch 10 Min zum essen bleiben (mehr braucht man doch auch nicht fürs Dhaalbaat und nem Kaffe danach) und abends komme ich meistens leider auch erst, wenn er schon das 2. Mal zurück in den WARD kam und mich dann ganz höflich fragt ob ich nicht mal nach Hause kommen will. Dann realisiere ich meistens erst, dass der Gutste ja um 8 oder 9 Uhr auch gewaltigen Hunger haben muss, und ich reiß mich dann zwangsläufig von meinen Patienten los. Mit so etwas hatte ich in Deutschland eigentlich nie Probleme, doch vielleicht liegt's einfach auch daran, dass man hier wirklich weiß wofür man arbeitet. 

Meine Talente werden hier auch weiterhin fröhlich ausgebaut. Habe ich doch letzte Woche nachts um 2 Uhr noch mit unserem Chefarzt einen Darmverschluss operiert. D.h. ich stand wirklich am Tisch und habe geschnitten, gesaugt, genäht etc. Denn was macht man denn ansonsten mit 2 schlaftrunkenen Nepalis die tagsüber schon nicht die schnellsten sind.

Und auch sonst lern ich hier ne Menge, und kann all mein Wissen, dass ich mir so mühsam fürs Examen angeeignet habe nun endlich auch mal anwenden. Denn was gäbe es wohl für ne bessere Möglichkeit, als hier? In Deutschland mit all den totalen med. Mitteln sicher nicht. Denn hier muss man wirklich auf all sein theoretisches Wissen zurückgreifen um zusammen mit etwas Wagemut und Kreativität zu arbeiten. In Deutschland hast Du eben nicht das Problem, dass Du ein 13 jährigen Bub nachts notfallmäßig 5 Stunden an einer Darmperforation (Loch im Darm durch Thyphus) operieren musst, mit den Rahmenbedingungen: 1 Arzt, 2 Laien und dich selbst als komplettes Personal, der Bub mit so gut wie keinem eigenen Blut mehr, dafür aber ner seltene Blutgruppe und keinen Spender auffindbar. Dazu kommt das man Dir dann netterweise am Anfang der OP noch sagt: ach übrigens unser Blutersatzmittel (das zumindest etwas das Volumen ausgleichen kann) ist gestern ausgegangen und unser einziges Medikament das wir zum Blutdruck steigern haben, fehlt eh schon seit 2 Wochen! Tja, und ich sag Dir eines, da kannst Du dann wirklich die Gnade Gottes ganz praktisch erfahren und dankbar sein, dass das Kind wenn auch mit einer Reanimation noch am leben ist. Gott segnet den kleines „Dinesh“ hier ganz besonders. (inzwischen hat er schon 3 OP’s hinter sich, denn der Thypus macht immer neue Löcher, und 1m Darm haben wir auch schon resiziert.) Die Rahmenbedingungen waren natürlich bei den 2 nachfolgenden OP’s nicht wesentlich besser, denn der kleine ist ja inzwischen auch schon sehr geschwächt. Der Kleine ist mir und uns mittlerweile so sehr ans Herz gewachsen, dass ich mich schon im ganzen Dorf so unbeliebt gemacht habe, dass ich mich wohl gar nicht mehr groß blicken lassen brauch. Denn ich bin jetzt dort die verrückt gewordene blutsaugende Bideshi (Ausländerin)  die jedem an den „Kragen“ wollte.

Denn als der kleine das 2. Mal zu bluten anfing und er schon wieder mehr Tod als Lebendig war klar, er braucht mindestens 3 Beutel Blut und die 2. Not-OP. Allerdings hat der kleine so ne seltene Blutgruppe (0+) dass es echt ein Problem ist. Und ne Blutbank gibt es ja nicht. Ich hab mir einen Nepali gesucht und bin im ganzen KH, und dem Dorf mit ihm zusammen herumgerannt und habe versucht Leute zum Blutspenden zu bewegen und es war so traurig. Die Leute interessiert das gar nicht. Ich hab sie angebrüllt, ich hab auf die Tränendrüse gedrückt, ich hab's mit Argumenten versucht,..... und zum guten Schluss hatten wir dann von über 150 angequasselten Leuten 1 Beutel zusammen. Aus lauter Verzweiflung hab ich mein Blut – trotz meiner Anämie, dann einer anderen Pat gegeben, so dass ihr Ehemann der auch O+ ist, seines dem kleinen Bub geben konnte (was er allerdings nicht wusste, er dachte, seine Frau hat seines erhalten,...). Dann standen wir heute nachts um 2 Uhr im OP und der kleine hat's überlebt!!!!  Inzwischen wie gesagt sogar dann auch die 3. OP und gerade vor 1 Stunde habe ich noch 2 Beutel Blut erhalten. Denn wir haben gestern unseren KH Cheflaborant mit dem Vater 6 Stunden wandern geschickt zum nächsten Armee Posten und denen dort Blut abgezapft. Jetzt hoffen und beten wir nur, dass er nun endlich heilt und Gott die Gnade seiner Rettung schenkt.

...

 Soweit die Eindrücke von Silke. Vielen Dank für alle Unterstützung im Gebet!

Grüsse

 

Simon

 

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Stand: 26.12.06