Ja nun bin ich doch tatsächlich schon seit 5 Wochen in
der Pampa und die Zeit vergeht mir fast zu schnell. Habe mich nämlich
inzwischen dem WARD (Station) intensiv angenommen und verbringe dort
nun i.d.R. meine Tage und auch zum Teil Nächte. Mein Chefartzt
verzweifelt glaub schon fast mit mir nun, weil ich zum Mittagessen
schon so spät komme, dass uns gerade noch 10 Min zum essen bleiben
(mehr braucht man doch auch nicht fürs Dhaalbaat und nem Kaffe danach)
und abends komme ich meistens leider auch erst, wenn er schon das 2.
Mal zurück in den WARD kam und mich dann ganz höflich fragt ob ich
nicht mal nach Hause kommen will. Dann realisiere ich meistens erst,
dass der Gutste ja um 8 oder 9 Uhr auch gewaltigen Hunger haben muss,
und ich reiß mich dann zwangsläufig von meinen Patienten los. Mit so
etwas hatte ich in Deutschland eigentlich nie Probleme, doch
vielleicht liegt's einfach auch daran, dass man hier wirklich weiß
wofür man arbeitet.
Meine Talente werden hier auch weiterhin fröhlich
ausgebaut. Habe ich doch letzte Woche nachts um 2 Uhr noch mit unserem
Chefarzt einen Darmverschluss operiert. D.h. ich stand wirklich am
Tisch und habe geschnitten, gesaugt, genäht etc. Denn was macht man
denn ansonsten mit 2 schlaftrunkenen Nepalis die tagsüber schon nicht
die schnellsten sind.
Und auch sonst lern ich hier ne Menge, und kann all
mein Wissen, dass ich mir so mühsam fürs Examen angeeignet habe nun
endlich auch mal anwenden. Denn was gäbe es wohl für ne bessere
Möglichkeit, als hier? In Deutschland mit all den totalen med. Mitteln
sicher nicht. Denn hier muss man wirklich auf all sein theoretisches
Wissen zurückgreifen um zusammen mit etwas Wagemut und Kreativität zu
arbeiten. In Deutschland hast Du eben nicht das Problem, dass Du ein
13 jährigen Bub nachts notfallmäßig 5 Stunden an einer Darmperforation
(Loch im Darm durch Thyphus) operieren musst, mit den
Rahmenbedingungen: 1 Arzt, 2 Laien und dich selbst als komplettes
Personal, der Bub mit so gut wie keinem eigenen Blut mehr, dafür aber
ner seltene Blutgruppe und keinen Spender auffindbar. Dazu kommt das
man Dir dann netterweise am Anfang der OP noch sagt: ach übrigens
unser Blutersatzmittel (das zumindest etwas das Volumen ausgleichen
kann) ist gestern ausgegangen und unser einziges Medikament das wir
zum Blutdruck steigern haben, fehlt eh schon seit 2 Wochen! Tja, und
ich sag Dir eines, da kannst Du dann wirklich die Gnade Gottes ganz
praktisch erfahren und dankbar sein, dass das Kind wenn auch mit einer
Reanimation noch am leben ist. Gott segnet den kleines „Dinesh“ hier
ganz besonders. (inzwischen hat er schon 3 OP’s hinter sich, denn der
Thypus macht immer neue Löcher, und 1m Darm haben wir auch schon
resiziert.) Die Rahmenbedingungen waren natürlich bei den 2
nachfolgenden OP’s nicht wesentlich besser, denn der kleine ist ja
inzwischen auch schon sehr geschwächt. Der Kleine ist mir und uns
mittlerweile so sehr ans Herz gewachsen, dass ich mich schon im ganzen
Dorf so unbeliebt gemacht habe, dass ich mich wohl gar nicht mehr groß
blicken lassen brauch. Denn ich bin jetzt dort die verrückt gewordene
blutsaugende Bideshi (Ausländerin) die jedem an den „Kragen“ wollte.
Denn als der kleine das 2. Mal zu bluten anfing und er
schon wieder mehr Tod als Lebendig war klar, er braucht mindestens 3
Beutel Blut und die 2. Not-OP. Allerdings hat der kleine so ne seltene
Blutgruppe (0+) dass es echt ein Problem ist. Und ne Blutbank gibt es
ja nicht. Ich hab mir einen Nepali gesucht und bin im ganzen KH, und
dem Dorf mit ihm zusammen herumgerannt und habe versucht Leute zum
Blutspenden zu bewegen und es war so traurig. Die Leute interessiert
das gar nicht. Ich hab sie angebrüllt, ich hab auf die Tränendrüse
gedrückt, ich hab's mit Argumenten versucht,..... und zum guten
Schluss hatten wir dann von über 150 angequasselten Leuten 1 Beutel
zusammen. Aus lauter Verzweiflung hab ich mein Blut – trotz meiner
Anämie, dann einer anderen Pat gegeben, so dass ihr Ehemann der auch
O+ ist, seines dem kleinen Bub geben konnte (was er allerdings nicht
wusste, er dachte, seine Frau hat seines erhalten,...). Dann standen
wir heute nachts um 2 Uhr im OP und der kleine hat's überlebt!!!!
Inzwischen wie gesagt sogar dann auch die 3. OP und gerade vor 1
Stunde habe ich noch 2 Beutel Blut erhalten. Denn wir haben gestern
unseren KH Cheflaborant mit dem Vater 6 Stunden wandern geschickt zum
nächsten Armee Posten und denen dort Blut abgezapft. Jetzt hoffen und
beten wir nur, dass er nun endlich heilt und Gott die Gnade seiner
Rettung schenkt.
...
Soweit
die Eindrücke von Silke. Vielen Dank für alle Unterstützung im Gebet!
Grüsse
Simon