Ein
Abenteuer zwischen Büffelmilch und Baracken
Von Klaus Thomas Heck
Eine Flagge, eine grüne Tracht und ein
Skorpionbiss. Drei Andenken hat Silke Söffner (24) von ihrem größten
Abenteuer mitgebracht. Die Krankenschwester aus Niederhofen war
elfeinhalb Monate als Missionarin in Nepal.
Ihre erste Station im November 2002 ist
Kathmandu, die Hauptstadt des Himalaya - Königreichs. Rundum strahlend
weiße Wolken, nur über der 600 000-Einwohner-Metropole sind sie grau.
Smog. "Eine der dreckigsten Städte der Welt", sagt die junge
Missionarin.
"Da freut man sich richtig aufs Land."
Silke absolviert einen Sechs-Wochen-Schnellkurs in Nepali, der
Landessprache, dann geht's weiter nach Besisahar. Elf Stunden dauert die
Busfahrt. Wer unterwegs zusteigt, muss auf dem Wagendach Platz nehmen.
Besisahar liegt am Rande des Annapurna - Gebietes. Ein Städtchen von der
Größe Schwaigerns. Ländlich, hügelig, abgelegen. "Ein super
Urlaubsgebiet", meint Silke.
"Aber da liegt der Hund begraben." Zwei
Hotels, ein paar Garagen-Teestuben. Mehr Ausgeh-Tipps gibt es nicht. Die
Frauen laufen mit Dokos umher. Bastkörben, mit denen sie schwere Lasten
auf dem Kopf tragen. Kuhmist zum Beispiel, der auf den Feldern verteilt
wird. Fünf Monate arbeitet Silke im Distriktkrankenhaus. Infektions-,
Entbindungs- und Intensivstation, Chirurgie, Gynäkologie: Im Hospital
von Besisahar gehört alles zusammen.
Die Niederhofenerin hilft als Anästhesistin
und Assistentin. Instrumentierschwestern gibt es nicht. Da greifen die
Ärzte - ein Franzose, ein Schweizer, zwei Nepali, eine Holländerin -
selbst zum Besteck. Idealisten sind alle: Weil sich nur wenige der
täglich 120 Patienten die Behandlung leisten können, geschieht viel aus
Wohltätigkeit. Als Missionarin darf sich Silke, die für das Deutsche
Hilfswerk für Missionskrankenhäuser und die Stuttgarter Co-Workers
unterwegs ist, nur sehr vorsichtig betätigen. Im Leintal gehört sie zum
Jugendverband "Entschieden für Christus".
In Nepal ist ihre Religion verboten. April
2003 zieht die junge Krankenschwester nach Chaurjahari. 50 Einwohner hat
das Dorf, die Hauptstraße ist ein kleiner Feldweg. Wald,
Häuserbarracken, karge Felder. Ein paar Farmer treiben Handel mit Tibet.
Wer kein Land hat, will weg. Der Flughafen-Tower ist eine ausgebombte
Ruine, die Landebahn ein Rasen mit Kuhmist.
Eine Hand voll Polizisten patrouilliert auf
dem Gelände - mit Gewehren aus dem ersten Weltkrieg, als die Briten noch
Verbündete der Bergregion waren. Lebensmittel gibt es kaum. Die Frauen
holen Trinkwasser aus dem Bheri River. Doch weil der Fluss aus dem Tibet
kommt und dort Tote oft im Gewässer bestattet werden, ähnelt er einer
Kloake. Silke bringt kistenweise Nahrungsvorräte mit.
Im Krankenhaus von Chaurjahari trifft sie
auf die Problemfälle einer rückständigen Gegend. Tuberkulose-Kranke und
Unterernährte, die drei Tage per Fußmarsch zum Hospital wandern. Oder
der dreijährige Bahkta, der bei seiner Einlieferung gerade mal 1500
Gramm wiegt. "Um den haben wir schwer gekämpft", sagt Silke.
Halbstündlich, auch nachts, wird der
Steppke mit Sonden ernährt. Es gibt Jugendliche mit gebrochenen Armen
und Kopfverletzungen, weil sie auf der Suche nach Früchten von Bäumen
gestürzt sind. Von Juli bis September, während der Regenzeit, nimmt der
Typhus zu.72-Stunden-Schichten sind für Silke Alltag.
Zwischendurch ein paar Happen Dhaalbhat,
das Nationalgericht mit Reis, Linsen, Gemüse. Das isst sie drei Mal
täglich, 21 Mal pro Woche. Dazu Chhiya - Büffelmilch mit Schwarztee. Ihr
schönstes Erlebnis hat Silke nach drei Tagen Dauerdienst. Da schenkt ihr
eine Mutter als Dankeschön eine Mango. "Diese Herzlichkeit vermisse ich
in Deutschland. In Chaurjahari gehörten wir zu jeder Familie irgendwie
dazu." Seit zwei Wochen ist sie wieder in Schwaigern.
Was
hat sie als Erstes gemacht? "Schwäbisch gefrühstückt mit Brezeln und
Kaffee. Und richtig geduscht." Ob die 24-Jährige ihre frühere
Arbeitsstelle im Heilbronner Gesundbrunnen zurück erhält, ist unklar.
"Trotzdem würde ich das jederzeit wieder machen." Ihr nächstes
Urlaubsziel steht dagegen schon fest: Nepal.
14.11.2003
