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... vom 9. August 2003

Hallo Liebe Freunde und Beter!            Kathmandu, den 9. August 2003

 

Heute schreibe ich aus einem ganz dringenden Grund, weil ich alle Eure Gebetsunterstützung brauche. Ich werde versuchen mich kurz zu fassen und dennoch muss ich ein bisschen ausholen um Euch meine vergangenen fast 2 Wochen zu beschreiben.

 

Alles hat angefangen am Dienstag den 30.8. in Chaurjahari / Rukum. Ich war mitten in meinen „Packvorbereitungen“ und „Arbeit übergeben“, da ich am Mittwoch mit dem einmal wöchentlichen Flieger für ca. 1 Monat nach Kathmandu zurück fliegen wollte. Sollte ich doch Besuch von meiner Family bekommen und hatte auch sonst einiges organisatorisches in Kathmandu zu erledigen. Da kam meine treue Kollegin Meena zu mir, und erzählte mir, das eben eine schwangere Frau in den Wehen ins Spital kam, und unerwartet festgestellt wurde das sie Zwillinge erwartet. Tja und das ist in unserem kleinen KH eben auch nicht täglich der Fall, und so war die Freude groß. Doch da Meena eindeutig mehr Erfahrung mit Entbindungen hatte, sorgte ich mich nicht all zu sehr darum und dachte es wird schon alles gut gehen.

 

Allerdings lief nicht alles so glatt, wie es ursprünglich aussah und die Frau brauchte in der Nacht einen Not-Kaiserschnitt. Sie brachte zwei gesunde Buben zur Welt (2200 gr & 2650 gr für interessierte). Allerdings entwickelte die Frau schon während der OP einiges an Komplikationen und verlor auch sehr viel Blut. Und was Blutverlust in Nepals „Pampa“ bedeutet, habt ihr ja schon durch meinen Fall „Dinesh“ mitbekommen, an dem ich mich als blutrünstige Ausländerin berühmt, berüchtigt gemacht habe,...

 

Na ja, so beschlossen wir am nächsten Tag unsere phillipinische Ärztin in die nächste Schule zu senden um von den Studenten dort Blut zu erhalten. Ich selbst hatte ja zum Flugplatz zu gehen. Dort wartete ich den ganzen Tag mal wieder in der Sonne auf den heißbegehrten Flieger nach Ktm. (Ktm. = Kathmandu) immer wieder in Gedanken an diese arme 22 jährige Mutter von nun 4 Kindern. Abends um 5 Uhr kam dann die Nachricht, das der Flug wegen schlechten Wetters annulliert wurde. Gefrustet und enttäuscht lief ich also ins Spital zurück. Und erfuhr das es der Frau alles andere als gut ging. Sie hatte zwar Blut erhalten, allerdings weitere schwerwiegende Komplikationen entwickelt. Wir kämpften noch die ganze Nacht um sie, doch am nächsten Morgen um 6:30 Uhr verstarb sie dann doch. Zurück blieben die beiden Buben, plus ein 1 und ein 2 Jahre altes Kind, plus der 23jährige Vater, der zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mal da war.

 

Was tun? Die Not war groß. Wir sandten nach dem Vater ins 5 Stunden entfernten Dorf und der kam dann auch am nächsten Tag. In der Zwischenzeit erzählten uns aber andere Leute aus dem selben Dorf der Familie, was wir insgeheim schon befürchtet hatten. Nämlich, dass wen wir die beiden Kleinen mit nach Hause geben würden, würden sie wohl keine Chance haben und sterben. Es wurde lange hin und her überlegt und mit dem Vater und der Familie diskutiert, und schlussendlich gaben wir ihnen eine Woche Bedenkzeit was den mit den Buben geschehen sollte. Susanne (die dt. Krankenschwester) und ich erklärten uns bereit solange für die Kinder zu sorgen. Da Susanne aber ihre letzte Woche (nach 5 Jahren) in Chaurjahari verbrachte und ihre Arbeit abschließen musste, war ich dann tagsüber mit den Kleinen voll und ganz ausgelastet. (Ich hatte ja meine Arbeit schon übergeben,...) Somit war ich von einem Moment auf den anderen Mama von 2 süßen Buben namens Ashish (= Segen) und Jeevan (=Leben), die ihrem Namen wirklich auch alle Ehre machten. 1 Woche Windeln waschen, Fläschchen abkochen, füttern, baden, etc stand für mich auf dem Programm, und ich muss sagen, ich konnte die Zeit sogar ein bisschen genießen.

 

Na ja, als der Vater allerdings nach 1 Woche am Dienstag , wie verabredet, nicht auftauchte, schickten wir unseren Wachmann ins Village, um Klarheit zu bekommen. Am Mittwoch morgen kam er dann mit dem Onkel der Kinder zurück, und es war klar er wollte die Kinder nicht mehr haben. Susanne und ich sollten sie mit nach Ktm. nehmen um einen Platz im Waisenhaus für sie zu finden. Er unterschrieb uns einen Brief in dem dies erklärt wurde, und so saßen Susanne und ich ein paar Stunden später mit „unseren Kleinen“ im Flieger. Susanne verlies mich aber in Nepalgunj mit Ashish und wird morgen mit ihm nach Kathmandu nach kommen. Ich flog direkt weiter und ging am Donnerstag mit Jeevan ins Office. Dort erfuhr ich zuerst mal, dass es nahezu unmöglich wäre einen Platz für Säuglinge in einem Waisenhaus zu finden, denn alle nähmen erst Kinder über 2 Jahre auf, weil sie sonst zusätzliche Arbeitskräfte brauchten. Und „nur“ mit diesem Brief den ich mitgebracht hatte, wäre es schon mal überhaupt nicht möglich. Mission impossible!

 

Außerdem wurde mir erklärt, dass ich mich schon halb im Gefängnis befände, denn ich hätte dieses Kind ILLEGAL hier. Um es legal zu machen, hätte ich die Genehmigung des VDC-Chairman (~ Buergermeister) und des District Obersten gebraucht. Dies ist nebenbei aber auch schon fast ein Ding der Unmöglichkeit, denn in einem korrupten Land wie Nepal würde das Monate dauern und noch dazu gibt es dabei folgendes Problem. Da der District „offizielles Maoist - Kingdom“ ist, ist eigentlich jeder bis auf die District - Hauptstädte Maoist. Und es würde natürlich somit auch Machtkämpfe zwischen Mao-VDC-Chairman und Regierungs-Distrikt Oberster ausgefochten werden. Dennoch wird man aber um diese Genehmigung nicht herum kommen können.

 

Sollte also einem der Kinder was zustoßen, oder irgendjemand daran Anstoß nehmen, das die Kinder nun hier sind, werde ich wohl noch im Gefängnis landen.

 

Doch mein nep. Chef und das Office ist ganz super lieb und unterstützt mich mächtig. Somit haben wir beschlossen, schnellstmöglich eine Adoptivfamilie für die beiden zu finden, die auch die Geduld haben, sich mit dem langwierigen Prozess der offiziellen Genehmigungen herum zu ärgern. Außerdem beschloss mein Chef, dass wir möglichst schnell die Presse auf unsere Seite bringen sollten, da mit wir die Allgemeinheit hinter uns haben. Tja und so habe ich morgen um 13 Uhr einen „Pressetermin“ bei den beiden größten Tageszeitungen Nepals. Susanne wird dann mit Ashis hoffentlich auch da sein.

 

Tja und ansonsten hat mein Chef, ein Email an alle Kirchen und Gemeindeleiter Nepals heraus geschickt und um Hilfe und Gebetsunterstützung gebeten. Es sollte doch möglich sein, einen guten Platz für die beiden in einer christlichen Familie zu finden.

 

Tja und nun sitze ich hier in Ktm., der kleine Jeevan schlafend neben mir, und hoffe das Gott alles richten wird. Doch ich weiß, dass ich mich hier auf einem sehr sehr schmalen Grat befinde, und es ruck zuck für mich und Susanne sehr böse aussehen kann. Allerdings wird Susanne am Donnerstag nun endgültig nach Deutschland zurück fliegen und ich werde u.U. mit den kleinen hier alleine sein. Deswegen brauche ich Eure Mithilfe. Bitte betet für Jeevan & Ashish, betet für die Situation, und betet das die richtigen Eltern schnell gefunden werden können, und wir die nötige Weisheit haben, diese herauszufinden. Betet für Susanne und mich, das wir die Kleinen mit soviel Liebe ausrüsten können, dass sie auch harte Zeiten überstehen werden. Und betet, dass unsere „Rechnung“ mit der Zeitung aufgeht.

 

Vielen Dank für Euer „offenes Ohr“ und Eure Unterstützung im Gebet schon jetzt im voraus.

 

Möge der Segen des Herrn mit Euch sein. In seinem Dienst

 

Eure Silke